Gin gehört heute zu den vielseitigsten Spirituosen der Welt. Doch bevor er Bars, Cocktails und Regale eroberte, war seine Reise eine über Jahrhunderte geformte Entwicklung aus Medizin, Handel, Krieg und Innovation. Die Geschichte des Gins ist reich, vielschichtig – und erstaunlich eng mit europäischen Entwicklungen verknüpft.
1. Von Heilmitteln zu ersten Wacholderdestillaten

Die Ursprünge des Gins liegen weit entfernt von der heutigen Cocktailkultur – nämlich in der mittelalterlichen Medizin. Bereits im 11. Jahrhundert experimentierten europäische Klöster mit Kräuterauszügen, die sie in hochprozentigem Alkohol mazerierten. Wacholder galt damals als beinahe magische Pflanze: antibakteriell, wärmend, verdauungsfördernd – ein kleines Naturwunder im Kontext der damaligen Heilkunst.
Diese frühen Destillate hatten noch wenig mit dem Gin zu tun, den wir heute kennen. Sie waren oft rau, scharf und eher als therapeutischer Schnaps gedacht denn als Genussmittel. Dennoch legten sie den Grundstein für eine Entwicklung, die sich über viele Jahrhunderte erstrecken sollte: die Verbindung von Alkohol und Botanicals. Die Idee, Alkohol als Aromaträger zu nutzen, war geboren – und Wacholder wurde da-bei zur bestimmenden Zutat, die sich hartnäckig durch die Geschichte des Gins ziehen sollte.
2. Genever: Der niederländische Ursprung

Im 16. Jahrhundert nahm die Geschichte dann Fahrt auf – in den Niederlanden. Dort entwickelte sich aus den medizinischen Wacholderdestillaten ein neues Getränk: Genever. Es war kräftiger, malziger und vollmundiger als moderner Gin und galt zugleich als Heilmittel, Alltagsgetränk und Soldatenstärkung.
Die britischen Soldaten, die während des Achtzigjährigen Krieges an der Seite niederländischer Truppen kämpften, kamen erstmals mit Genever in Kontakt. Der Ausdruck „Dutch Courage“ stammt vermutlich aus dieser Zeit – ein Hinweis darauf, dass die Soldaten vor der Schlacht einen Schluck Genever zur Beruhigung nahmen. Begeistert vom Geschmack (und vielleicht auch vom Mut), brachten sie das Getränk später mit nach Hause.
Genever war damit die Blaupause für alles, was folgte. Die Briten übernahmen die Idee und entwickelten sie weiter – mit anderen Getreidegrundlagen, anderen Destillationsverfahren und schrittweise mit einem klareren Profil. Die Basis für den späteren Gin war gelegt.
3. Der Gin Craze

Das 18. Jahrhundert wurde zur wohl wildesten Epoche der Gin-Geschichte. Als die britische Regierung aus politischen Gründen extrem günstige Lizenzen für die Destillation vergab, begannen in London plötzlich unzählige Bürger, Gin in Hinterhöfen, Wohnzimmern und improvisierten Werkstätten zu brennen. Der Preis fiel, der Konsum stieg – und die Situation geriet ausser Kontrolle.
Der „Gin Craze“ war geprägt von öffentlicher Trunksucht, sozialen Problemen und dramatischen Szenen, wie sie in William Hogarths berühmtem Kupferstich „Gin Lane“ dokumentiert sind. In manchen Vierteln war Gin leichter zu bekommen als sauberes Trinkwasser; viele Menschen tranken ihn aus purer Notwendigkeit im Alltag.
Die Regierung reagierte spät, aber schliesslich entschieden: Mit mehreren Gin Acts wurden Lizenzkosten erhöht und der Verkauf reguliert. Langsam beruhigte sich die Lage – und Gin bekam die Chance, sich vom Billigschnaps zum kultivierteren Getränk weiterzuentwickeln.
4. Die Prohibition – ein Rückschlag und ein Katalysator zugleich
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Geschichte des Gins erneut von politischen und gesellschaftlichen Experimenten geprägt. Die Prohibition in den USA (1920–1933) verbot Herstellung, Transport und Verkauf von Alkohol und löste damit eine paradoxe Entwicklung aus.
Offiziell sollte die Gesellschaft nüchterner und moralisch gefestigt werden. Inoffiziell boomte jedoch das Geschäft der illegalen Bars, der Schwarzbrenner und der Schmuggler. In dunklen Kellern, Hinterzimmern und improvisierten Destillen wurde Gin zum bevorzugten Destillat – denn er war schnell, günstig und mit wenig Ausrüstung herzustellen.
Viele heute ikonische Cocktails entstanden in dieser Zeit: Der Bee’s Knees, der Gin Rickey und andere Klassiker hatten ursprünglich die Aufgabe, schlechten Schwarzbrenner-Gin geniessbar zu machen.
Mit dem Ende der Prohibition kehrte Gin wieder offiziell in die Bars zurück – diesmal mit neuem Bewusstsein für Qualität und Handwerk. Die Epoche machte den Weg frei für modernere, durchdachtere Rezepturen und eine neue Generation von Gin-Stilen.
5. Die Entstehung des London Dry Gin

Nach den turbulenten Jahrhunderten begann der Gin im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine neue Identität auszubilden. Der technologische Fortschritt der Destillation – insbesondere die Einführung kontinuierlich arbeitender Brennkolonnen (Coffey Stills) – machte es erstmals möglich, extrem reinen Neutralalkohol herzustellen. Damit verschob sich das Profil des Gins grundlegend: Weg vom malzigen Genever, hin zu klaren, feinen und präzisen Aromen.
Der London Dry Gin wurde geboren. Trotz des Namens ist dieser Stil nicht geografisch an London gebunden – es handelt sich vielmehr um einen streng definierten Produktionsstandard. Botanicals müssen gleichzeitig destilliert werden, Zucker ist tabu, künstliche Aromen ebenso. Das Ergebnis ist ein trockener, eleganter Gin mit einem klaren Wacholderprofil und harmonischen Begleitnoten.
London Dry wurde schnell zum internationalen Massstab für Qualität. Er war präzise, zeitlos und vielseitig – perfekt für klassische Cocktails wie den Martini oder den Gin & Tonic. Viele der heute bekanntesten Marken verdanken diesem Stil ihren globalen Erfolg.
6. Die moderne Gin-Renaissance

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erlebte Gin eine unerwartete Wiedergeburt. Was zuvor jahrzehntelang als eher altmodische Spirituose galt, entwickelte sich plötzlich zur Spielwiese für kreative Destillateure weltweit. Handwerksbrennereien schossen in Europa, Asien und Nordamerika aus dem Boden, neue Botanicals wurden ausprobiert, lokale Zutaten ins Rampenlicht gerückt, und experimentelle Stile entstanden.
Diese moderne Gin-Renaissance zeichnete sich durch Vielfalt, Innovation und Individualität aus. Ob florale, zitrusbetonte, würzige oder experimentelle Gins – die Bandbreite schien grenzenlos. Gleichzeitig entwickelte sich eine neue Barkultur, die Qualität, Handwerk und Authentizität in den Mittelpunkt stellte. Gin wurde zum Symbol für moderne Genusskultur: traditionsbewusst, aber offen für Neues.
Heute ist Gin so vielfältig wie nie zuvor. Und obwohl moderne Brennereien mutig neue Wege gehen, bleibt eines konstant: Wacholder ist und bleibt das Herz dieser Spirituose – genauso wie vor fast 1.000 Jahren in den Klöstern Europas.