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Vor der Rezeptur: Wie bei Steinbock Spirits Ideen Gestalt annehmen

Vor der Rezeptur: Wie bei Steinbock Spirits Ideen Gestalt annehmen

Manchmal steht am Anfang nur ein einzelner Faden: das Profil einer Orange, ein Cocktailklassiker, eine Pflanze, die aus dem Blick geraten ist, oder eine historische Verbindung, die zunächst noch nicht weiss, wohin sie führt. Daraus entsteht noch keine Spirituose. Eine solche Entdeckung muss erst zeigen, ob sie mehr sein kann als eine gute Notiz – ob sie geschmacklich übersetzbar ist, eine eigene Kontur hat und eine Geschichte trägt, die nicht angeheftet wirkt.

Für uns beginnt Produktentwicklung deshalb nicht mit einem festen Briefing und auch nicht mit einer vorgeschriebenen Reihenfolge. Zwischen erster Idee, Recherche und möglicher Erzählung liegt kein gerader Weg. Eher entsteht ein Geflecht, dessen einzelne Stränge sich gegenseitig verändern. Erst wenn diese Richtung ausreichend klar ist, folgt die Arbeit am konkreten Aromaprofil und an der Rezeptur.


Der Anfang ist kein Briefing

Der Anfang ist kein Briefing

Eine neue Idee kann bei uns von sehr verschiedenen Orten kommen. Manchmal ist es eine Zutat. Manchmal eine Geschichte mit Bezug zum Alpensteinbock. Es kann ein Cocktail sein, eine Spirituose, die eine Wiederentdeckung verdient, ein vergessenes Botanical oder eine andere Verbindung, die plötzlich interessant wird. Keiner dieser Anfänge ist einem anderen grundsätzlich überlegen.

Die Ideenentwicklung liegt dabei ausschliesslich bei Stefan und Roger. Wir tauschen Gedanken aus, geben uns gegenseitig Impulse und prüfen, was an einer Beobachtung tatsächlich weiterführt. Einen typischen Moment dafür gibt es nicht. Ideen entstehen häufig gerade dann, wenn nicht gezielt nach ihnen gesucht wird. Das ist kein romantisches Bild vom Zufall, sondern eine nüchterne Beschreibung eines offenen Prozesses: Aufmerksamkeit lässt sich organisieren, eine tragfähige Verbindung jedoch nicht verordnen.

Entscheidend ist daher nicht, ob eine Idee aus Botanik, Bar oder Geschichte kommt. Entscheidend ist, ob sie sich verdichten lässt. Kann sie in Geschmack übersetzt werden? Passt sie in unsere Welt? Eröffnet sie eine überraschende, aber nachvollziehbare Verbindung? Und besitzt sie genug Eigenständigkeit, um nicht wie eine Variation von etwas bereits Bekanntem zu wirken? Diese Fragen begleiten eine Idee, lange bevor es um einzelne Rezepturentscheidungen geht.


Wenn Recherche die Idee mitverändert

Wenn Recherche die Idee mitverändert

Recherche ist in diesem Stadium kein Fundus für dekorative Fussnoten. Sie ist Material, das eine Produktidee schärfen, verschieben oder auch offenlassen kann. Dafür greifen wir auf Bücher, historische Quellen, Fachliteratur und digitale Archive zurück, ebenso auf Reisen, Gespräche und alte Rezepte. Das Spektrum reicht von der Geschichte einzelner Botanicals und Spirituosen über Bars und Trinkkulturen bis zu historischen Gewürzrouten und der Geschichte des Alpensteinbocks.

Solche Felder haben ihre eigene Tiefe. Botanische Sammlungen, Kräuterbücher und pharmakognostische Literatur zeigen etwa, wie Pflanzen über Jahrhunderte beschrieben und eingeordnet wurden. Die Geschichte des Handels über die Alpen macht sichtbar, dass Waren, Gewürze und Ideen nicht nur geographische Distanzen überwanden, sondern auch kulinarische Vorstellungswelten prägten. Und die europäische Bar- und Trinkkultur lässt sich nicht von ihren klassischen Kategorien, Rezeptquellen und Ritualen trennen. Für unsere Arbeit sind diese Kontexte keine Kulisse, sondern mögliche Anknüpfungspunkte.

Dabei muss die Geschichte nicht zuerst kommen; ebenso wenig die Kategorie. Eine aromatische Überlegung kann eine historische Recherche auslösen. Umgekehrt kann ein kultureller Zusammenhang die Frage aufwerfen, welche Spirituose daraus entstehen könnte. Produktidee, Recherche und Geschichte entwickeln sich parallel und iterativ. Das eine kann das andere weiterführen.

Nicht jede interessante Entdeckung wird dadurch automatisch zu einem Produkt. Damit aus einem Fund eine tragfähige Idee wird, müssen mehrere Dinge zusammenkommen: geschmackliche Übersetzbarkeit, eine erkennbare Verbindung zur Marke, Eigenständigkeit und vor allem Glaubwürdigkeit. Wenn eine Geschichte nur deshalb passend gemacht werden muss, weil ein Produkt bereits feststeht, fehlt ihr der notwendige Halt. Die Rezeptur ist dann noch nicht der nächste Reflex, sondern ein nachgelagerter Schritt – erst dann sinnvoll, wenn die konzeptionelle Richtung Kontur gewonnen hat.


Drei Fäden, drei Richtungen

Drei Fäden, drei Richtungen

Wie unterschiedlich diese Kontur entstehen kann, zeigen drei Produkte, ohne dass sie einem gemeinsamen Entwicklungsmuster folgen.

Beim Aronia Gin war die Ausgangslage eng mit dem Namen verbunden. Steinbock Spirits leitet sich aus dem gemeinsamen Sternzeichen von Stefan und Roger ab; zugleich gilt der Alpensteinbock als König der Alpen. Der erste Gin wurde als Hommage an dieses Tier konzipiert. Wurzeln, Blätter, Blüten und Beeren der Alpen beziehen sich auf die Flora seines natürlichen Lebensraums, während die Schwarze Apfelbeere, Aronia melanocarpa, die fruchtig-beerige Note prägt. Hier kommen Markenname, Alpensteinbock, Landschaftsbezug und Zutat in einer ersten Produktidee zusammen.

Beim Spiced Orange Gin stand dagegen zunächst das Aromaprofil der Orange im Mittelpunkt. Die weitere Recherche öffnete einen grösseren Zusammenhang: Orangerien europäischer Herrenhäuser stehen kulturhistorisch für die anspruchsvolle Kultivierung von Zitrusfrüchten nördlich der Alpen. Viele Gewürze und auch die Orange selbst hatten für Mitteleuropa einen exotischen Ursprung. Daraus verband sich die Idee mit historischen Wegen, über die Gewürze und andere Waren aus dem Mittelmeerraum über die Alpen nach Norden gelangten. In diesen alpinen Handelswegen lag zugleich eine Verbindung zum Steinbock. Die Orange bleibt dabei nicht Illustration einer Geschichte; Aroma und Kontext entwickeln sich miteinander weiter.

Beim Vermouth führte die Nähe zu Gin und zu klassischen Cocktails wie Martini und Negroni in eine andere Richtung. Vermouth ist seit Langem Teil der europäischen Aperitif- und Barkultur; in Martini und Negroni bildet er keine blosse Nebenrolle, sondern bestimmt Struktur und Charakter des Drinks mit. Für unsere Vermouths sollte diese Kategorie jedoch eine Steinbock-Identität erhalten. Die Geschichte der Wiederansiedlung des Alpensteinbocks in der Schweiz wies dabei ins Piemont: Nachdem der Steinbock hier faktisch ausgestorben war, wurden junge Tiere aus dem Piemont in die Schweiz geschmuggelt und legten die Grundlage für seine erfolgreiche Wiederansiedlung. Der Wein für unsere Vermouths stammt ebenfalls aus dem Piemont – ordentlich verzollt, nicht geschmuggelt.

Der Vermouth Rosso wurde zudem ausdrücklich als Begleiter für den Spiced Orange Gin entwickelt; beide sollten sich in einem Negroni besonders gut ergänzen. Das Beispiel zeigt, dass ein Cocktail nicht nur Ausgangspunkt für Gedanken sein kann. Er kann auch einen konkreten Rahmen bilden, in dem zwei Produkte aufeinander bezogen werden.


Was eine Idee vollständig macht

Was eine Idee vollständig macht

Offen zu arbeiten heisst auch, nicht jede Spur sofort abschliessen zu müssen. Wenn einer Idee noch ein Teil des Puzzles fehlt, wird sie nicht zwangsläufig verworfen. Wir legen sie zur Seite und können später darauf zurückkommen. Das ist etwas anderes, als aus jeder Entdeckung rasch eine Neuheit machen zu wollen.

Der Massstab bleibt dabei doppelt. Das geschmackliche Profil einer Spirituose ist ebenso wichtig wie ihre Geschichte. Wir suchen nicht krampfhaft nach einer Erzählung, die ein Produkt interessanter erscheinen lassen soll. Zugleich wäre ein geschmacklich überzeugendes Produkt ohne eine eigenständige und glaubwürdige Geschichte für uns nicht vollständig. Es geht nicht um die möglichst lange Herkunftserzählung, sondern um eine Verbindung, die dem Produkt eine nachvollziehbare innere Logik gibt.

Erst wenn diese Logik steht, beginnt die konkrete geschmackliche Übersetzung: die Ausgestaltung von Aromaprofil und Rezeptur. Sie soll die Idee nicht nachträglich bebildern, sondern ihr eine eigene Form geben. Dass Produkte dabei Wiedererkennungswert sowie Ecken und Kanten haben sollen, ist weniger Stilbehauptung als Auswahlkriterium. Austauschbare 08/15-Produkte, Look-alikes und Copy-cats sind nicht das Ziel.

So zeigt sich eine gemeinsame Handschrift nicht in identischen Ausgangspunkten. Sie liegt in der Prüfung, die einer Idee vorausgeht: Hat sie Charakter? Lässt sie sich geschmacklich tragen? Und bleibt sie glaubwürdig, wenn man ihre einzelnen Fäden betrachtet?



Der Alpensteinbock und die Flora seines Lebensraums, ein Zitrusaroma mit Handels- und Kulturgeschichte, die Logik eines klassischen Cocktails und piemontesischer Wein: Diese Beispiele beginnen an verschiedenen Stellen. Gemeinsam ist ihnen keine starre Methode, sondern die Bereitschaft, Ideen offen zu halten und genau zu prüfen, ob aus ihnen eine eigenständige Spirituose werden kann.

Historische und kulturelle Bezüge dienen uns dabei nicht als Kulisse für bereits fertige Produkte. Sie sind Teil des Materials, aus dem eine zeitgenössische Interpretation entstehen kann. Vollständig wird eine Idee dort, wo Geschmack, Geschichte und eine erkennbare Haltung zusammenfinden – ohne dass einer dieser Teile erzwungen wirkt.